
Ziel dieser Thesen ist es, die Schreibung der neuhochdeutschen Standardsprache so zu reformieren, dass sowohl das fehlerfreie Schreiben als auch das Lesen für jeden durchschnittlich Sprachbegabten möglich sei, somit die Beseitigung der jetzigen untragbaren Situation, an der auch die aktuelle halbherzige Reform wenig ändern konnte.
Hierfür gelten folgende Prämissen:
Die Reform soll auf das bestehende Zeicheninventar zurückgreifen, um kostenintensive Umstellungen zu vermeiden (also keine Zeichen wie <> für <sch>, die sich nicht auf deutschen Tastaturen finden).
Die reformierte Schreibung soll ohne viel Umgewöhnung adaptiert werden können, d.h. Zuweisungen von Graphen an neue Lautwerte sind zu vermeiden (also nicht <x> als neues Zeichen für <sch>).
Die phonematische Schreibweise hat Vorrang.
Daraus ergeben sich folgende Neuregelungen:
Abschaffung überflüssiger Buchstaben(kombinationen): v, x, y, q, ß, und ph fallen weg, c bleibt nur in Digraphen (<ch> für [x, ç] und sc, s.u) erhalten, z wird als Affrikate ebenfalls beibehalten. Rein graphische Doppelkonsonanz entfällt (kippen > kipen, von > fon, quollen > kwolen, platzen > plazen, syn- > sün-)
Allographe entfallen, Kurzvokal wird einfach notiert, langes i e a o u durch Zirkumflex (wie im Mittelhochdeutschen), jedoch langes ü ä ö wird ue, ae bzw. oe geschrieben. /ai/ wird in allen Fällen durch <ei>, /oi/ durch <eu> bezeichnet (hier > hîr, los > lôs, käsig > kaesig, häuten > heuten, kaiserlich > keiserlich).
Jedem Graphem ist i.d.R. ein Phonem zugeordnet. Stimmloser Sibilant wird durch <ss>, stimmhafter durch <s> bezeichnet, aber nur dort, wo eine Unterscheidung in echtdeutschen Wörtern nötig ist (d.i. im Inlaut zwischen Vokalen). <e> steht für den geschlossenen, <ä> für den offenen E-Vokal. Da es kein kurzes geschlossenes e gibt, wird der einfache Graph <e> aus praktischen Gründen wie bisher für den Neutralvokal verwendet. <sch> und seine Allographen werden zu <sc> vereinheitlicht (reißen > reissen, Schoß > scôss (§4), spielen > scpîlen).
Auslautvarianten
werden nicht notiert, wenn sie synchron klar als solche erkennbar
sind (êr wird nach wärden, dêr tâg
nach Gen. tâges). In synchron nicht entscheidbaren Fällen
(Partikeln etc.) wird phonetisch geschrieben (und > unt, weil nur
historisch entscheidbar).
Der Einheitlichkeit halber wird das morphematische Orthographieprinzip im Auslaut für Konsonanten beibehalten, z.B. grôss nach dem obliquen Stamm grôssen. Als Leitformen gelten jeweils der Nominativ Plural (Nomina) bzw. die 1. Person Plural (Verben).
Homonyme werden auch als Homographe geschrieben, die künstliche Trennung ist unnötig (Stil/Stiel > sctîl).
Groß werden nur noch Satzanfänge und substantivische Eigennamen geschrieben.
Kommata werden nach den tatsächlichen Pausen der fließenden Rede gesetzt (also in etwa wie in der jetzigen Regelung).
Die Getrennt- bzw. Zusammenschreibung in Verbalformen orientiert sich ebenfalls an der 1. Person Plural (uebersäzen zu wîr uebersäzen, aber ueber säzen zu wîr säzen ueber).
Von den sechs Orthographieprinzipien sind also das morphematische, grammatische, historische, lexikalische und ästhetische Prinzip zugunsten des phonematischen gänzlich oder zum Teil eliminiert worden, die Anzahl der Mehrgraphen wurde deutlich reduziert, Allographe fast völlig beseitigt.
Zwei Beispieltexte sollen das Gesagte veranschaulichen:
Däs
scländriâns macht ist rîsengrôss: / Macht
himelskräfte wirkungslôs.
Ärfassen
dî bloeden nicht feinere geister, / Sô sint sî
doch im scpoten meister.
Im härzen kälte, im scaedel dunst - / Das ist dêr
scpöter ganze kunst.
Wän dî haene auch nicht kraen, / Wird man´s frue
doch tâgen sên. (J. M. Schleyer)
Bedäke
deinen himel, Zeuss, / Mit wolkendunst!
Unt uebe, dêm knâben gleich, dêr disteln köpft, / An
eichen dich unt bärgeshoen!
Musst mir meine êrde/ Doch lassen sctên.
Unt meine hüte,/ Dî dû nicht gebaut,/ Unt meinen hêrd,/
Um dässen glût/ Dû mich beneidest.(Goethe, Prometheus)